Delta im Quadrat Nr. 91

36 Dr. Ursula Drahoss: „Beruflicher Erfolg schließt Umwege ein“ Vom 27. März bis 5. Juli zeigt die Kunsthalle Mannheim im Graphischen Kabinett die Ausstellung „La vie moderne. Grafiken von Manet bis Picasso“ mit rund 100 Lithografien, Radierungen und Zeichnungen der französischen Avantgarde von 1870 bis 1918 – darunter zahlreiche noch nie gezeigte Werke. Kuratiert wird die Schau von Dr. Ursula Drahoss, Leiterin der Graphischen Sammlung, der wir auch Fragen rund um unser Schwerpunktthema stellen durften. DiQ: Welche besonderen Chancen oder auch Hürden haben Sie auf Ihrem Weg als Frau erlebt und welche Haltung hat Ihnen geholfen, dranzubleiben? Dr. Ursula Drahoss: Für viele Frauen ist es eine besondere Herausforderung, das Studium der Kunstgeschichte mit der Arbeit in einem Museum zu verbinden – nicht zuletzt, weil in dieser Lebensphase häufig auch die Familienplanung eine Rolle spielt. Mir hat die Überzeugung geholfen, dass es keine „richtige Zeit“ für den Beginn eines Studiums oder einer Karriere gibt. Alle können ihren Weg entsprechend der individuellen Lebenssituation gestalten, ohne sich ständig mit anderen zu vergleichen oder sich an festen Normen zu orientieren. DiQ: Welche Entscheidung oder welches Lernmoment war für Ihre persönliche oder berufliche Entwicklung besonders prägend? UD: Entscheidend war für mich die Einsicht, dass beruflicher Erfolg Umwege einschließt. Gerade durch Fehlentscheidungen habe ich die Fähigkeit gelernt, mich in unterschiedlichen musealen Kontexten anzupassen, zu positionieren und zu behaupten. DiQ: Die Ausstellung „La vie moderne“ ist mit Ihrem Seminar ans Institut für Europäische Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg (IEK) gekoppelt: Teilnehmende erhalten Einblicke in zentrale Bereiche der Museumsarbeit. Welche drei Ratschläge würden Sie jungen Menschen für den Einstieg mitgeben? UD: Ich sehe sehr deutlich, wie wichtig menschliche Kompetenzen neben fachlichem Wissen sind, um in der Kulturlandschaft bestehen zu können: Durchhaltevermögen, Flexibilität und die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu orientieren. Gerade am Anfang des Berufswegs würde ich jungen Menschen raten, bewusst in ihre mentale Gesundheit zu investieren. Sie ist eine zentrale Voraussetzung, um mit den steigenden Anforderungen, der hohen Eigenmotivation und den oft komplexen Strukturen im Museumsbereich langfristig umgehen zu können. DiQ: Der „Flaneur“ ist eine zentrale Figur der Moderne und somit auch in der Ausstellung: ein männlich konnotierter Großstadtbeobachter, der scheinbar ziellos durch urbane Räume streift und diese visuell und intellektuell erschließt. Findet sich auch die „Flaneuse“ im Ausstellungskontext wieder? UD: Historisch galt das Erkunden der Stadt als Privileg wohlhabender Männer. Die „Flânerie“ wurde lange mit Männlichkeit verbunden, während allein auftretende Frauen im öffentlichen Raum oft mit Prostitution gleichgesetzt wurden. Deshalb zeigen die Grafiken der Ausstellung weibliche Stadtwanderinnen nur selten und meist in spezifischen Kontexten. Erst im 19. Jahrhundert eröffneten Kaufhäuser Frauen neue Bewegungsräume. Sie galten als vergleichsweise geschützte Orte, an denen Frauen sich ohne männliche Begleitung aufhalten konnten. DiQ: Welche weiteren neuen Rollenbilder – etwa von Frauen – tauchen in den Grafiken auf? UD: Die Ausstellung zeigt unterschiedliche, teils widersprüchliche Frauenbilder. So erscheinen etwa Tratschende und Gafferinnen – Figuren, die weniger als typisch weiblich, sondern eher allgemein gesellschaftlich gemeint sind. Künstlerinnen wiederum stellten – bedingt durch zeitgenössische Zuschreibungen – häufig Landschaften, Porträts oder Kinderszenen dar. Ergänzt werden diese Rollenbilder beispielsweise durch Darstellungen von Tänzerinnen und Schauspielerinnen, etwa bei Henri de Toulouse-Lautrec, die Frauen im öffentlichen Raum zwischen Bühne, Arbeit und Sichtbarkeit zeigen. www.kuma.art FRAUEN IM DELTA

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