Delta im Quadrat Nr. 91

Anabel Görtz: „Für alle da sein“ Die Bäckerei Görtz gehört für viele Menschen in der Region Rhein-Neckar ganz selbstverständlich zum Alltag. Was von außen vertraut wirkt, ist das Ergebnis eines eng verzahnten Zusammenspiels aus Handwerk, Organisation und Haltung. Anabel Görtz ist 25 Jahre alt, gelernte Bäckerin und Bäckermeisterin. Sie ist im Familienunternehmen groß geworden und dabei, sich Schritt für Schritt stärker einzubringen. Im Gespräch mit uns geht es um die Bäckerei als Lebensgefühl, über Verantwortung, Neugier und darüber, was das Handwerk heute und in Zukunft bewegt – auch für Frauen. Delta im Quadrat: Die Bäckerei Görtz gehört für viele Menschen in der Region fest zum Alltag. Wie würden Sie Ihr Unternehmen beschreiben und was macht es besonders? Anabel Görtz: Die Bäckerei Görtz ist eine Bäckerei, die für alle da ist. Das zeigt sich ganz konkret in unseren Standorten. Wir haben Filialen mit größeren Cafébereichen an öffentlichen Plätzen, an denen Menschen zusammenkommen können, genauso wie Standorte an Bus- oder Bahnhaltestellen, wo es schnell gehen soll, mit einem Kaffee oder einem Snack für unterwegs. Dazu gehört auch unser Anspruch an Sortiment und Preisgestaltung. Wir möchten ein Angebot schaffen, das qualitativ hochwertig ist und gleichzeitig für viele Menschen zugänglich bleibt. Wir sind ein gewachsenes Unternehmen mit vielen Standorten in der Region, definieren uns aber ganz klar nicht als Kette, sondern als Filialbäckerei. Der entscheidende Punkt ist, dass wir täglich frisch zubereiten und unsere Backwaren regional an unsere Filialen ausliefern. DiQ: Was bedeutet „frisch“ bei Ihnen konkret? Viele Leserinnen und Leser fragen sich, wie Backwaren heute entstehen. AG: Frisch bedeutet bei uns, dass die Produktion durchläuft. Wir produzieren täglich von Montag bis Sonntag. In unserer Tagschicht spielen unsere Kleingebäcke die Hauptrolle: Der Teig wird geknetet und anschließend in Form gebracht, danach haben die sogenannten Brötchenteiglinge mindestens 10 Stunden Zeit zu ruhen. Die Hefeaktivität wird mit den niedrigen Plusgraden schonend gesteuert. In der Nachtschicht geht es ans Brotbacken, auch unsere süßen Teilchen werden hier zubereitet. Hier könnte man nun vieles mehr erläutern, auf unseren Sozialen Medien geben wir einige Einblicke für alle, die neugierig sind. DiQ: Sie sind im Familienunternehmen groß geworden. Welche Rolle spielt das für Sie persönlich? AG: Familie und Arbeit sind bei uns sehr eng miteinander verbunden. Das ist ein Lebensgefühl. Was mich besonders beeinflusst hat, ist der Gedanke von Gestaltung. Als Unternehmerfamilie und als Arbeitgeberin in der Region kann man Verantwortung übernehmen, Strukturen aufbauen und Dinge bewegen. Einen einzelnen Moment, an dem ich gesagt habe, jetzt bin ich dabei, gab es nicht. Es war und bleibt ein Prozess. Nach dem Abitur habe ich mich bewusst für FRAUEN IM DELTA 28 die handwerkliche Ausbildung entschieden, weil ich den Kern verstehen wollte. Mir war wichtig zu wissen, worauf alles aufbaut. Gleichzeitig bin ich generell sehr wissbegierig und versuche, mir immer wieder neue Perspektiven zu erschließen, um Zusammenhänge besser zu verstehen und Dinge weiterdenken zu können. DiQ: Die Bäckerei Görtz vereint nahezu die gesamte Wertschöpfungskette selbst, vom Backen bis hin zu den Filialen. Welche Bedeutung hat das für Sie als Betrieb und was bedeutet es für Sie persönlich? AG: Es bedeutet vor allem Komplexität. Wir verfolgen einen sehr starken Hands-on-Ansatz und versuchen, möglichst vieles selbst zu machen. Vom Einkauf über die Produktion, die Logistik und die Filialen bis hin zu Marketing, Personal, Technik und Verwaltung sind heute alle Professionen im Unternehmen vertreten. Gerade der Einkauf und die Zusammenarbeit mit regionalen Partnern sind uns wichtig. Getreide, Mehl und Wasser sind unsere zentralen Rohstoffe. Kurze Wege, regionale Strukturen und nachhaltige Prozesse sind für uns keine Marketingbegriffe, sondern Teil unserer Tätigkeit. DiQ: Die Bäckerei Görtz ist auch ein großer Arbeitgeber der Region. Wie nehmen Sie diese Rolle wahr? AG: Wir beschäftigen rund 1.800 Mitarbeitende und sind damit ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Zusätzlich gibt es seit einigen Jahren unser Partner-System. Menschen können sich mit einer Filiale selbständig machen, ohne klassisches Franchise-Modell. Sie führen den Betrieb eigenständig und stellen ihr Team zusammen, wir unterstützen mit Backwaren, Ladenbau und Infrastruktur. Das eröffnet Perspektiven für Menschen, die Verantwortung übernehmen möchten. DiQ: In vielen Handwerks- und Führungsbereichen sind Frauen noch immer unterrepräsentiert. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht und was würden Sie sich für die Zukunft wünschen? AG: In der Backstube ist das Handwerk nach wie vor stark männlich geprägt, auch wegen Nachtarbeit und körperlicher Anforderungen. Ich wünsche mir grundsätzlich bessere Rahmenbedingungen, damit Familie und Beruf besser miteinander vereinbar sind. Kinderbetreuung ist dabei ein zentraler Punkt, gerade auch für Berufe mit frühen oder späten Arbeitszeiten. Im Verkauf ist das Verhältnis oft umgekehrt. Dort arbeiten viele Frauen und wir versuchen, mit unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen Flexibilität zu ermöglichen. www.baeckergoertz.de

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