Delta im Quadrat Nr. 38

„ein körper für jetzt und heute“ – Jessica Weisskirchen im Interview Jessica Weisskirchens erste Regiearbeit am Nationaltheater Mannheim, „Die Tonight, Live Forever oder Das Prinzip Nosferatu“, ein Monolog basierend auf einem Text der Hausautorin Sivan Ben Yishai, feierte am 20. September Premiere und steht auch Anfang im November noch einmal auf dem Spielplan. Nun folgt mit „ein körper für jetzt und heute“ das zweite Stück, in dem sie Regie führt und sich mit den Konzepten vom Mannsein und Frausein und Noch-viel-mehr-Sein beschä igt, mit Dichotomien, die überwunden werden wollen und mit einer vermeintlichen Ordnung, die Orientierung bieten will, aber für viele doch eher einem Gefängnis gleicht. Premiere ist hierfür am 27. November. 64 Delta im Quadrat, Beate Schittenhelm: Frau Weisskirchen, erzählen Sie uns doch kurz, wie Sie zuerst zum Theater im Allgemeinen und jetzt ganz speziell ans Nationaltheater Mannheim gekommen sind! Jessica Weisskirchen: Das ist eine meiner Lieblingsfragen: Ich bin eigentlich Umwelt-Geo-Chemikerin, also das habe ich zumindest studiert und auch mit Bachelor abgeschlossen. Danach wollte ich einen Master draufsetzen und um die Zeit bis zum Studienstart zu überbrücken, habe ich mich als Regiehospitantin für eine Schauspielproduktion in der Regie von Johann Kresnik am Theater Heidelberg beworben. Mein Vater war in den 80ern Tänzer in der Dance-Company von Kresnik und ich wollte mir mal ansehen, wie das so im Theater abläuft. Danach kam ich ans Theater wie die Jungfrau zum Kinde: Von 2013 bis 2016 arbeitete ich als Regieassistentin am Theater Heidelberg, danach folgten zwei Jahre als Regisseurin in der Freien Szene. Meinen Platz hatte ich da für mich aber noch nicht gefunden, es zog mich an ein größeres Haus, um mich weiter ausbilden zu lassen, und so ergab sich die einzigartige Möglichkeit, mit einem jungen Schauspiel-Team einen Neuanfang zu wagen – so kam ich ans NTM. DiQ: Um was geht es inhaltlich in Ihrem neuen Stück „ein körper für jetzt und heute“? JW: Das Stück thematisiert die gesellschaftliche Stigmatisierung eines jeden von uns ab dem Moment, in dem wir in diese Welt geboren werden. Geschützt im Mutter-Körper sind wir noch sicher vor Bewertung, Klassifikationen und der eigenen Zuordnung in das allmächtige System der Weltordnung. Ihr liegt die Kategorisierung von allem und jedem bis ins kleinste Detail zugrunde. Aber dieses System ist verwundbar durch eben jene Systemsprenger*innen, die sich einer normativen, binären Einordung entziehen. Elija ist ein solches „gesellschaftliches Gefahrengut“, weiler inseinemrevolutionärenKöperverständnis kein Geschlecht bevorzugt, weder für seinen eigenen Körper noch für seine Sexualität. „ich kann beide geschlechterrollen übernehmen“, sagt Elija von sich selbst. Auf seiner Reise aus seinem Heimatdorf, in dem ein konservatives Weltbild herrscht, und weg von seinen Eltern, die ihn durch religiöse Riten zu heilen versuchen, bis in die Stadt der Möglichkeiten, hinein in eine Untergrund-Community, in der jeder alles sein kann und darf – sogar ein Tier-Obst-Mensch-Hybrid –, entscheidet

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