Delta im Quadrat Nr. 38

40 Prêt à écouter im Karlstorbahnhof Heidelberg Club- & Popkultur Trotz der Einschränkungen, mit denen die Unterhaltungs- und Künstlerbranche in diesem Jahr zu kämpfen hat, ist dieMusik nicht aufzuhalten. Sie bahnt sich ihren Weg durch Wohnungswände hindurch und in die Herzen und Köpfe der Menschen, die durch sie Ho nung, Mut und Freude schöpfen. Auch ohne die gewohnte Fülle an Live-Sessions und Konzerten bilden sich neue Strömungen und Trends der avancierten Popmusik heraus, die im November dankenswerterweise wieder im Mittelpunkt des Popmusik-Festivals „Prêt à écouter“ im Heidelberger Karlstorbahnhof stehen. Die 2011 noch bahnbrechende Idee, den Fokus einer kulturellen Veranstaltung auf das aktive Zuhören zu legen, hat sich über die Jahre zu einem festen und beliebten Format der hiesigen Musikszene etabliert. Während 2019 das rein weibliche Line-up für Schlagzeilen sorgte, ist die Tatsache, dass in diesem verrückten Jahr mit sieben Künstlern überhaupt ein Programm auf die Beine gestellt werden konnte, bereits eine kleine Sensation. Da kann der Wermutstropfen, dass das Alleinstellungsmerkmal des Festivals durch die notwendige feste Sitzplatzordnung verloren geht, auch mal weggewischt werden. Überhaupt lohnt es sich, das Positive der gegenwärtigen Umstände zu betrachten: So besteht diesen November die Gelegenheit, das regionaleMusikgeschehen ausführlicher denn je zu entdecken. Die eingeschränkte Reisefreiheit legt den Fokus von „Prêt à écouter“ 2020 auf den deutschsprachigen Raum und hat einige großartige Talente zu bieten. Kai Schumacher startet am 07.11. das Festival solo am präparierten Klavier und fängt die Stimmung zu Beginn dieser Konzertreihe, die so ersehnt und doch so anders als bisher ist, perfekt ein: Seine Musik, irgendwo zwischen Kammerkonzert und Time Warp, weckt euphorische Melancholie. Genauso ambivalent sind die Klänge von Better Person am 19.11., die die Achtziger mal auf der Tanz äche, mal bittersüß im Schlafzimmer wiedererwecken. Düster und dramatisch wird es bei Skemer am 21.11., bevor P.A. Hülsenbeck & Sin Maldita am folgenden Tag mit Trompete und Schlagwerk philosophische Klangforschung zwischen geometrischen Formen und freier Assoziation betreiben. Der 24.11. gehört Ebow, wo Geschichten aus dem Niemandsland der blau schimmernden Nacht erzählt werden, und am 27.11. tönt die klare Stimme von Catt durch die organischen Klänge von Bläsern und Klavier. Am Ende des Festivals wird nicht mehr nur gehört, sondern auch gelesen. Paulina Czienskowski beendet „Prêt à écouter“ bei „Prêt a lire“ mit einem Roman aus Musik. Sa, 07.11. bis So, 29.11., Kulturhaus Karlstorbahnhof e.V., Am Karlstor 1, Heidelberg, Infos und Tickets unter www.karlstorbahnhof.de

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