Delta im Quadrat Nr. 38

18 Digitalisierung-Spezial: Analoge Worte zum Beginn In mancher Hinsicht hat das Virus, das gerade unsere Welt auf den Kopf stellt, eine schon vorhandene Entwicklung noch einmal beschleunigt: Die Digitalisierung verschiedenster Lebens- und Arbeitsbereiche ist schon seit Jahren ema, doch jetzt, wo Außenkontakte mit Bedacht gewählt werden und das Zusammenkommen vieler Menschen nur eingeschränkt geschehen kann, verschiebt sich immer mehr ins Digitale. Das kann man bedauern oder aber auch als große Chance sehen: Ohne Online-Medien hätten beispielsweise kulturelle Institutionen ihr Publikum lange Zeit überhaupt nicht erreichen können. So aber wurden kreative Alternativen gescha en, die zwar kein Ersatz fürs Erleben vor Ort sind, aber dennoch eine – o sehr lohnende! – Ergänzung. In unserem aktuellen Sonderthema wollen wir einige Strategien beleuchten, wie eater und Bühnen, (Volks-)Hochschulen, Unternehmen und andere Institutionen sich die Techniken der Zeit zunutze machen und den virtuellen Raum erobern. Teil eins folgt gleich hier; Teil zwei – die Online-Strategien und Angebote von Museen – in der Rubrik „Ausstellungen“ am Ende des Magazins. Digitales im Nationaltheater Mannheim Am Ende waren es beinahe auf den Tag genau sechs Monate, in denen am Nationaltheater Mannheim aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus im Frühjahr keine Vorstellung statt nden konnte. In dieser Zeit entwickelte das Haus unter dem Label „DNTM“ einen vielseitigen digitalen Au ritt. Seit Mitte September wird am GoetheplatznunwiederlivevorPublikumgespielt,dochdasDigitale Nationaltheater soll ebenfalls fortgeführt werden – und erfährt einen Neustart. Doch von vorn: Als das Nationaltheater Mitte März seinen Spielbetrieb einstellenmusste, war allen amVierspartenhaus schnell klar, dass sie den Kontakt mit dem Publikum unbedingt aufrechterhalten wollen, auch wenn alle Vorstellungen abgesagt waren. Innerhalb weniger Tage stamp e ein Redaktionsteam aus Dramaturgie, Presse und Marketing gemeinsam mit den Ensembles einen neuen Online-Au ritt aus dem Boden: Das Digitale Nationaltheater, kurz DNTM, war geboren. Fortan wurden nicht mehr die Opern- und Schauspielbühne bespielt, sondern der digitale Raum. Auf derWebseite des eaters wurden in der Rubrik „Große Bühne“ an den Wochenenden neu au ereitete Mitschnitte von Inszenierungen des NTM-Repertoires gezeigt, ankiert von zum Teil nie verö entlichten Interview- und Dokumentar lmen aus den Archiven des Hauses. Gesprächsformate über Zoom und Streamings von Live-Konzerten rundeten das Programm ab. In den sozialen Netzwerken Instagram und Facebook zeigten sich Ensemblemitglieder aus Oper, Schauspiel, Tanz und Jungem NTM von ihrer ganzprivatenSeite– tanzend, singend, kochend, puzzelnd, meist humorvoll, manchmal nachdenklich, immer authentisch. Die erste Online-Produktion während des Lockdowns kam mit „Qingdao – a messy archive“ vom Jungen Nationaltheater. In dem Stück, das die gemeinsame Kolonialvergangenheit Deutschlands und Chinas behandelt, erforscht das Publikum die eigens kreierte, DIGITALISIERUNG SPEZIAL

RkJQdWJsaXNoZXIy OTA4MjA=